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Von der Bedeutung des Russischen fürs Sprachenlernen
Eine Sprache zu erlernen fällt in jungen Jahren leicht. Weltweit gibt es zwischen 6500 und 7000 verschiedene Idiome, und rein theoretisch besitzt jeder die Anlage, jedes davon zu lernen, so erheblich die Unterschiede auch sein mögen. In den ersten sechs Lebensmonaten ist der Mensch sozusagen ein Universalphonetiker. Neugeborene sind zunächst fähig, die Laute der verschiedensten Sprachen zu unterscheiden und nachzuahmen. Auch wenn diese Fähigkeit bereits mit neun Monaten erlischt, besteht bei Heranwachsenden bis zum Alter von zwölf Jahren eine besondere Offenheit zum Fremdspracherwerb, bevor beide Gehirnhälften ausgereift sind.
Es ist bekannt, dass Kinder an Waldorfschulen bereits von der ersten Klasse an in zwei Fremdsprachen unterrichten werden. Und Rudolf Steiner begründete die Wichtigkeit davon zudem damit, dass sich die seelischen Fähigkeiten durch die unterschiedlichen Anforderungen der Sprachen in höchst differenzierter Weise entwickeln ließen.
Warum nun aber Russisch? Dafür kommen mehrere Gründe in Betracht. So äußert Walter Stötzler in einem Artikel (Erziehungskunst,12/99) zu dem Thema, dass es für ein deutsches Kind mit seinem an der Muttersprache geschulten Sprachsinn relativ leicht sei, in dem englischen Satz »This is a green apple« unbewusst Artikel und Hilfsverb zu erkennen und den Inhalt in Anlehnung an die deutsche Sprachstruktur auch zu verstehen. Anders sei es bei dem russischen Satz »ätaseljonojejablako«. Da müsse das Kind weitaus mehr Kräfte in sich mobilisieren und seine Hör- und Sprechgewohnheiten stärker ändern, als wenn es sich mit dem Englischen auseinandersetze. Und genau dies sei pädagogisch gewünscht und eine gute Vorbereitung für sprachliches Denken. In diesem Sinne äußert Christiane Harder, die seit 1998 Russisch (und Biologie) an der Freien Waldorfschule Weimar unterrichtet und seit 2003 den Schüleraustausch – großzügig finanziert vom DRJA (Deutsch-Russischer Jugensaustausch) – organisiert: „Insbesondere das Gehör der Kinder wird geschult, wenn sie den fremden Lauten lauschen und versuchen sie nachzusprechen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung von Prof. Dr. Christoph Jaffke aus dem Jahr 1993 (in "Fremdsprachenunterricht in der Primarstufe") mit jeweils über 400 Probanden (3. Klässler), die entweder mit Russisch und Englisch oder mit Englisch und Französisch in der ersten Klasse begonnen hatten, konnte nachgewiesen werden, dass die erste Gruppe über ein signifikant besseres Gehör verfügte als die zweite.“ Im Weiteren weist sie darauf hin, dass das Gehör eine wichtige Voraussetzung für Schulerfolg sei (vgl. Tomatis, Alfred A. - Das Ohr, die Pforte zum Schulerfolg) Außerdem sei der Beitrag zur Friedensarbeit in osteuropäische Richtung nicht zu unterschätzen: „Es fahren immer wieder ganze Klassen unserer Schule im freiwilligen Austausch nach Russland. „Die Begegnungen Jugendlicher beider Länder schenken Europa eine Perspektive der gegenseitigen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und des Verständnisses unabhängig von politischen Lagern“, so die Russischlehrerin.
So zeigt sich die junge russische Journalistin und Studentin der Heinrich-Heine-Universität Elena Polonskaya erfreut darüber, dass ihre Muttersprache an vielen Waldorfschulen bereits seit langem Unterrichtsfach ist. Demnächst wird sie ein Praktikum an der Diepenstraße machen, um Einblicke in die Waldorfpädagogik im Allgemeinen zu gewinnen und vielleicht selbst einmal zu unterrichten. Im Gespräch mit ihr fällt auf, dass sie mit kaum hörbarem Akzent und fehlerfrei die deutsche Sprache spricht – und das nach gerade mal vier Jahren in Deutschland. Das Russische scheint also wahrlich eine gute Vorbereitung zum Erlernen weiter Sprachen zu bilden… Andrea Vogelgesang |
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